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Griechenland-Problem gelöst, endlich



Mit der Annahme des zweiten großen Rettungspakets im Umfang von 130 Milliarden Euro durch die griechische Regierung und der Troika der Kreditgeber ist endlich die Kuh vom Eis, und Hellas gerettet.

Was wir sehen, ist die amerikanische Lösung. Von Anfang an hatten die Amerikaner sich gewundert, warum sich die Europäer in der griechischen Frage so unbeholfen und ungeschickt anstellen. Dutzende Delegationen und hunderte Journalisten wurden nach Athen entsandt. Zum ersten Mal seit vielen Jahrzehnten stand Hellas im Mittelpunkt des Weltinteresses, wurde seziert und analysiert wie kein Land zuvor. Der Parthenon leuchtete von allen Titelseiten und selbst die Rűlpser mittelmässiger oder halbseidener Politiker in Athen wurden wie in Stein gemeißelt wahrgenommen.

Griechenlands Augenblick der Berűhmtheit neigt sich dem Ende zu, es geht wieder weiter wie gehabt. Die amerikanische Lösung bedeutet, das Griechenland von nun wie der chronisch defizitäre amerikanische Bundesstaat Mississippi oder wie der District of Columbia behandelt wird.

Wie bei Mississippi weiss man, dass Griechenland niemals von selbst auf die Beine kommen wird, egal wie viele Rettungspakete geschnűrt werden. Eine schwache Wirtschaft, eine unfähige Verwaltung und eine Steuerpraxis, die die reichen Plantagenbesitzer beziehungsweise die Reeder und die Kirche begűnstigt, sorgen fűr ein strukturelles Defizit. Mississippi, wo einst 55 Prozent der Bevölkerung Sklaven in Baumwollplantagen waren, ist der ärmste Staat der USA. Griechenland, einst ein armer Teil des osmanischen Reiches, musste schon im 19. Jahrhundert wiederholt von den europäischen Mächten aus seinen Staatspleiten gerettet werden. Auch heute ist Hellas das ärmste Land der Eurozone.

Nun ist klar, dass das neue Rettungspaket Griechenlands Verschuldung nie auf die (ohnehin viel zu hohe) Zielgrenze von 120 Prozent des Brutto-Inlandsprodukts drűcken wird. Daher ist die amerikanische Lösung unausweichlich: die Eurozone wird ad aeternam weiter Griechenlands Defizite decken műssen, so wie es Washington in Mississippi tut.

Soweit die Bedeutung des Memorandum of Understanding zwischen Troika und Athen. Aber was bedeutet das fűr Griechenland?

Athens Regierungen werden dauerhaft unter Kuratel stehen, so wie der District of Columbia —der halbautonome Stadtkern von Washington— dem Kongress untersteht. Missliebige und halbkriminelle Bűrgermeister des Distrikts werden abgesetzt und zeitweise eingesperrt. Űber jeden Dollar muss (theoretisch) mit dem Kongress abgerechnet werden. In Athen werden die Aufseher der Troika versuchen, der Misswirtschaft und dem Unterschleif Grenzen zu ziehen, ständig behindert von Lobbies, Hurra-Patrioten, Gewerkschaften und Anarchisten.

Andererseits sollte man die Lage nicht zu schwarz malen. Manches wird sich bessern. Der Druck der Troika wird auf die Dauer nicht nur zu wohlklingenden (aber nicht durchgefűhrten) Gesetzen fűhren, sondern tatsächlich zu mehr Disziplin, Effizienz, Bűrgernähe und Offenheit. Dass sich die Griechen neuerdings als eine Kolonie Brűssels erkennen, ist zwar dem Nationalstolz abträglich, der Entwicklung aber durchaus nűtzlich.

Man darf nicht vergessen, dass Griechenland bis heute ein essentiell orientalischer Staat ist. Ein lokaler Scherz lautet: „Die Griechen sind Tűrken, die glauben, sie seien Italiener.“ Ein makabrer Scherz, seit prophezeit wurde, dass Hellas nach einem Staatsbankrott und Austritt aus der Eurozone als Satellit der vitalen Wirtschaft der benachbarten Tűrkei anheimfallen wűrde.

Die Not hat also einen langsamen Modernisierungs- und Europäisierungsprozess in Gang gesetzt, der nicht nur positive Folgen zeitigen wird. Da es Jahrzehnte dauern dűrfte, bis sich die Hellenen ein funktionales Steuersystem verordnet haben, wird Griechenland ein Steuerparadies innerhalb der Eurozone bleiben.

Das wird zwar nicht unbedingt große ausländische Investoren anlocken, dafűr aber graue und schwarze Gelder, sobald die Welt begriffen hat, dass die griechische Krise mit einem jährlichen Scheck aus Brűssel dauerhaft gelöst ist.

Wenn man so reich ist wie die Eurozone, dann muss man es sich leisten können, ein armes Randgebiet mit durchzufűttern, meinen die Amerikaner. Das meinten wohl auch die Grűnderväter des Euro, als sie Griechenland aufnahmen, wohl wissend, dass dort Statistik nicht Maßstab, sondern Mittel der Politik ist.

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—— Ihsan al-Tawil